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Thema Nr.42, 31.07.2000
Sex/Business
Führungsklone
Muss ein CEO oder Manager verheiratet sein und Kinder haben?
Von Shere Hite
(Das "Daddy-System": Väter in Führungspositionen)
Beinahe alle der globalen Fortune 500 Unternehmen werden von
CEOs geleitet, die verheiratet sind und Kinder haben. In unserer
Zeit sind allerdings 50% der Bevölkerung in den meisten
westlichen Ländern unverheiratet und allein stehend. Warum also
sind verheiratete CEOs die Norm? Glauben Firmenleiter heutzutage,
dass verheiratete Menschen, die Kinder haben, am zuverlässigsten
sind?
Bei meinen Recherchen für das Buch "Sex &
Business" fragte ich die CEOs (nur einer von ihnen war
nicht verheiratet und hatte keine Kinder) einiger der größten
Unternehmen der Welt, ob sie glaubten, dass der Leiter eines
Unternehmens das "moralische System" einer Kultur repräsentiere
und deshalb verheiratet sein und Kinder haben sollte - oder ob
ein CEO auch allein stehend oder sogar schwul sein könne.
Die meisten von ihnen antworteten, dass sie dazu neigten, einen
Nachfolger zu suchen oder jemanden zu befördern, der
verheiratet sei und Kinder habe. Sie fügten auch hinzu, dass
sie CEOs anderer Unternehmen eher respektierten, wenn diese auch
verheiratet seien und Kinder hätten. Als ich fragte, warum,
meinten die meisten (obwohl sie anscheinend noch nie zuvor
bewusst über diese Frage nachgedacht hatten), dass es ein
Beweis dafür sei, dass der Mann viele Dinge gut handhaben könne,
d. h., wie mir der Leiter einer großen Bank sagte: "Wenn
ein Mann dafür sorgen kann, dass sein Privatleben funktioniert,
dann kann man erwarten, dass er auch dafür sorgen kann, dass
ein Unternehmen funktioniert."
Ich entgegnete, dass allein stehend zu sein noch viel
schwieriger sein könne als verheiratet zu sein, und fragte, ob
damit bewiesen sei, dass ein Alleinstehender noch viel
schwierigere Angelegenheiten erledigen könne? Die Antwort:
Nein, "verheiratet zu sein zeugt von der besten
Organisationsfähigkeit".
Führungsklone; leben wir in einem Klonsystem von CEOs? Wenn in
der heutigen westlichen Welt, wie bereits erwähnt, die Hälfte
der Bevölkerung "allein stehend" ist - was übrigens
viele verschiedene Dinge bedeuten kann: dass jemand mit jemandem
zusammenlebt, aber nicht offiziell verheiratet ist, dass jemand
"ganz allein" ist oder dass jemand schwul ist;
Unverheiratete können auf ganz unterschiedliche Weise leben.
Das bedeutet auch, dass innerhalb von Unternehmen wahrscheinlich
mindestens die Hälfte der Arbeitnehmer ledig ist. Wenn das
Unternehmen - wie viele Betriebe - junge Arbeitnehmer hat, kann
der Anteil an Ledigen sogar noch höher sein.
Wenn das Topmanagement allerdings für höhere Positionen
prinzipiell verheiratete Männer mit Kindern einzustellen
versucht, dann behindert dieses Vorgehen potenzielle Kandidaten
- sowie das künftige Wachstum eines Betriebes.
Warum? Weil es verhindert, dass man verschiedenartige
Arbeitnehmer hat, die alle eine einzigartige Energie haben und
ihren Beitrag zur Unternehmensführung leisten. Wenn
Arbeitnehmer das Gefühl haben, sie müssten verheiratet sein
und Kinder haben, um voranzukommen, dann werden einige heiraten,
egal ob sie das wirklich wollen oder nicht, was zu einem
moralischen Kompromiss führt, der sich auf das Energieniveau
dieser Person und in der Folge auf das Energieniveau des
Unternehmens auswirkt. Der "Leiter" (oder der
"Chauffeur des Unternehmens" wie mir ein CEO eines der
globalen Fortune 100 Unternehmens sagte: "Der Chauffeur des
Unternehmens, denn es ist wie Auto fahren") muss
einfallsreich sein, um nach neuen Richtungen für das
Unternehmen zu suchen, er muss im Stande sein, durch das Gewirr
der Finanzen, der Persönlichkeiten im Vorstand und der Probleme
des täglichen Lebens hindurch die größeren Ziele des
Unternehmens zu sehen.
Einfallsreichtum ist unerlässlich, und das Gefühl, ein "guter
Mensch" mit einer positiven Einstellung zu sein, ist
notwendig, um einfallsreich zu sein. Wenn man zu viele
Kompromisse in Bezug auf seine inneren Grundsätze und Ideale
eingeht, um sich "anzupassen", wird man nicht zu einem
guten Führer. Obwohl jemand an die Spitze gelangen kann, indem
er zynisch und machiavellistisch ist, heißt dies nicht, dass er
oder sie das Unternehmen in eine gute Richtung führen oder
finanziell erfolgreich sein wird. Idealistische Führer können
genauso gut Profite machen wie zynische Führer, wie Beweise
belegen.
Man hat uns glauben gemacht, dass der Leiter eines Unternehmens
ein verheirateter Mann mit Kindern sein sollte - so wie wir es
auch von unseren Politikern zu erwarten scheinen. Warum? Das
traditionelle "religiöse" System wird widergespiegelt,
d. h., Gott (obgleich nicht verheiratet) herrscht von seinem
Himmel aus und ordnet an, dass die Menschen heiraten (je zwei
betreten die Arche) und sich vermehren sollen; das ist
"normal" und unsere "moralische Pflicht". Während
der "Sexskandal" um Präsident Clinton verhandelt
wurde, wurde klar, dass wir von unseren politischen Führern
nicht nur erwarten, dass sie effizient arbeiten, sondern auch
"moralisch korrekt" handeln und die traditionellen
Vorstellungen von Moral vertreten.
Die Frage, die während jener weltweiten Debatte nicht
beantwortet wurde (und auch weiterhin unbeantwortet bleibt),
lautet: Kann man vom Verheiratetsein eines männlichen Führers
oder CEOs ableiten, wie er sich gegenüber Frauen im Unternehmen
oder im Allgemeinen verhält? Ein Gefühl scheint vorzuherrschen,
nämlich dass die Einstellung eines Mannes zu seiner Familie/Frau/Tochter
heutzutage symbolisch für seine Einstellung zu den
Frauenrechten steht.
Ist das logisch? Russische Staatsoberhäupter haben während
Wahlkampagnen ihre Gemahlinnen für gewöhnlich nicht an ihrer
Seite, sondern die Frauen befinden sich in einiger Entfernung im
Hintergrund, sodass man sie kaum sieht. Ähnlich verhält es
sich bei Staatsoberhäuptern von Ländern wie Saudi-Arabien, die
für Fotoaufnahmen bei offiziellen Anlässen nicht mit ihren
Frauen erscheinen. In westlichen Ländern wie Großbritannien,
den USA oder Deutschland erwartet man allerdings von einem männlichen
Politiker, dass er sich zusammen mit seiner Gattin zeigt. Heißt
das, dass diese westeuropäischen Führer den Frauenrechten
positiver gegenüber stehen (indem sie ihre Frauen öffentlich
präsentieren, sich selbst als Teil einer Einheit mit einer Frau
zeigen) als männliche Führer, die allein auftreten? Oder
bedeutet es, dass Führer, die sich bei öffentlichen Auftritten
mit ihren Frauen und Kindern zeigen, "mit den Waren, die
sie besitzen, angeben", so wie früher einmal ein Pascha
Fremden seine Frauen und sein Vieh präsentierte, somit weniger
Verständnis für die Frauenrechte haben? Wenn man in der Praxis
die verschiedenen Geschehnisse betrachtet, sieht es so aus, als
ob Männer, die öffentlich mit ihren Frauen auftreten, vor
allem wenn die Frau ihren eigenen Wirkungsbereich hat, der öffentlich
wahrgenommen wird (egal ob eine Verbindung mit der Regierung/ihrem
Gatten besteht oder nicht), die Frauenrechte viel eher wahren
und befürworten und die Frauen auch eher in ihren Regierungen
einsetzen als die anderen, eher "einzelgängerischen"
Führer.
Sollten wir daraus folgern, dass CEOs, die verheiratet sind und
Kinder haben, sich eher für die Frauenrechte in einem
Unternehmen einsetzen als ledige, männliche CEOs? Oder ist das
Gegenteil der Fall?
Jüngere Männer, die sich mit dem Image des "verheirateten
Mannes mit Kindern" nicht identifizieren können,
verzichten oft schon früh darauf, nach einer Spitzenposition zu
streben, selbst wenn sie die Voraussetzungen für einen
ausgezeichneten CEO hätten. Bei meinen Recherchen über heutige
Unternehmen haben mir viele junge Männer gesagt, dass sie nicht
CEO eines Betriebes werden möchten. "Das ist nichts für
mich." Sie haben das Gefühl, sie müssten ihre Persönlichkeit
und ihre Wertvorstellungen zu sehr verändern, um "in das
Schema zu passen". Die Frage ist: Sollten sie in das
"Schema passen" müssen, oder sollte man ihnen
erlauben, ihre eigenen neuen Schemata zu kreieren? Wollen wir
ein Klon-System?
Einige Unternehmen mit einer "Klon-Kultur" beschränken
sich darauf, bestimmte Arten von Menschen zu befördern (für
gewöhnlich sind Frauen klarerweise davon ausgeschlossen, wobei
sie eher ausgewählt werden, wenn sie verheiratet als wenn sie
ledig sind), wodurch den Firmen wertvolle Formen der Energie
verloren gehen. So wie jedermann eine ausgewogene Ernährung
braucht, brauchen Unternehmen verschiedene Arten von Menschen,
um daraus Energie zu schöpfen: sowohl Frauen (ledige und
verheiratete) als auch ledige und verheiratete Männer.
Offiziell gibt es keine bestimmten Grundsätze für die Auswahl
derjenigen, die befördert werden sollen, aber die Auswahl
funktioniert so reibungslos, als ob die Kriterien und
Vorgangsweisen offiziell wären. Deshalb können sie so leicht
geändert werden. Wenn wir in uns hineinblicken, um
festzustellen, ob wir bedingungslos glauben, dass "verheiratete
Männer mit Kindern" am "besten als Führungskräfte
geeignet sind", dann können wir erkennen, wo diese Ideen
herstammen - und enden können.
Shere Hite,
Kulturhistorikerin, ist international anerkannt für ihre Arbeit
über Sexualverhalten. Sie ist Autorin des Buches "The Hite
Report on Female Sexuality", von dem mehr als 20 Millionen
Exemplare verkauft wurden und das in 13 Sprachen übersetzt
wurde. Zu ihren anderen Büchern gehören: "The Hite Report
on Male Sexuality", "Women and Love", "The
Hite Report on the Family: Growing up under Patriarchy" und
"The Divine Comedy of Ariadne and Jupiter".
Shere Hite unterrichtet weibliche Sexualität an der New York
University und hält auch Vorlesungen an den Universitäten von
Harvard, Columbia, Cambridge und Oxford. Von 1972 bis 1978 war
sie Leiterin der National Organization for Women's feminist
sexuality project und seit 1978 leitet sie Hite Research
International. Shere Hite arbeitet zurzeit als
Kulturkommentatorin für viele internationale Zeitungen und
Publikationen und leitet auch weiterhin Hite Research.
Shere Hites neuestes Buch heißt "Sex & Business".
Es ruft sowohl Männer als auch Frauen dazu auf, ihre eigenen
Handlungen und Glaubenssätze als auch die ihrer Mitarbeiter gründlich
und genau unter die Lupe zu nehmen und fordert sie auf, eine
neue und effizientere Art zu entwickeln, am Arbeitsplatz
miteinander umzugehen. Angefangen bei der Liebe am Arbeitsplatz
bis zu sexueller Belästigung, von Frauen mit männlichen
Vorgesetzten bis zu Männern mit weiblichen Vorgesetzten und
Frauen mit weiblichen Vorgesetzten behandelt dieses Buch jeden
Aspekt und jeden verborgenen Winkel von Beziehungen im
Berufsleben. Nur wenn wir die Auslöser, Beweggründe und
Einstellungen verstehen, können wir darauf hoffen, die Mauern,
die wir errichtet haben, niederzureißen und eine neue Ära
einzuleiten, die von gegenseitigem Verständnis, Respekt und
Erfolg geprägt ist.
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Allein stehend zu sein kann noch viel
schwieriger sein als verheiratet zu sein.
"Geben" Führer, die sich bei öffentlichen
Auftritten mit ihren Frauen und Kindern zeigen, "mit
den Waren, die sie besitzen, an"?
So wie jedermann eine ausgewogene Ernährung braucht,
brauchen Unternehmen verschiedene Arten von Menschen, um
daraus Energie zu schöpfen.
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